Heute waren wir mit Freunden und deren Kindern in St.-Truiden – im Haus vom Nikolaus! Der hat nämlich in Belgien einen ganz andern Stellenwert als in Deutschland, ist er doch für die ganzen Geschenke verantwortlich. Der „Sinterklaas“, wie er hier genannt wird, kommt in Bischofstracht auf einem Boot aus dem fernen Spanien und bringt einen ganzen Hofstaat an buntgekleidetem schwarzen Personal mit – das sind die sogenannten „zwarten Pieten“ deren Tracht an die höfischer Pagen erinnert.Zum historischen Hintergrund: Bischof Nikolas starb am 6. Dezember 342 in Myra an der türkischen Südküste und wurde auch dort begraben, im Jahre 1087 brachte man seine Gebeine in die italienische Stadt Bari. Bei seiner Heiligsprechung wurde er zu Sint Nikolaus = Sinterklaas. Doch warum Spanien? Diese Legende geht vermutlich auf die Zeit des achzigjährigen Krieges (1564-1648) zurück, in dem sich die Niederlande die Unabhängigkeit vom spanischen König erkämpfte. Aus Spanien kamen Orangen und Gewürze in die Niederlande, Spanien wurde zum Synonym für alles, was aus dem Süden kam. Auch war Bari eine Zeitlang durch Spanien besetzt, vielleicht schuf auch das die Verbindung zum Nikolaus.
Im Jahre 1850 erdachte der Amsterdamer Lehrer Jan Schenkmann die Geschichte vom St. Nikolaus und seinem Knecht. Auf den Abbildungen dieses Buches sieht man den Knecht als Mohren in bunter Pagentracht, so wie sie die „zwarten Pieten“ heute noch tragen. Aus dem einen Knecht wurden im Laufe der Geschichte unzählige Pieten, die jeder eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hatten (der Pferde-Piet, der Post-Piet, der Back-Piet, der Bügel-Piet usw.) Ja, und schwarz sind sie natürlich, weil sie dauernd durch die Schornsteine rutschen müssen, um die Geschenke zu verteilen, ist doch klar!
Das Boot landet am 17. November und von da an bis zum 6. Dezember sind der weiße Mann und die Pieten vollauf beschäftigt, alle Kinder im Land zu besuchen, Wunschzettel einzusammeln und Geschenke einzupacken. Natürlich passiert dabei auch das ein oder andere Unglück denn manche von den Pieten sind ganz schön ungeschickt, vergesslich oder auch einfach nur faul und vergessen gerne mal etwas.
Damit auch alle etwas davon haben, wird im niederländischen Fernsehen das „Sinterklaasjournaal“ ausgestrahlt, dass einen so hohen Stellenwert hat, dass es in den Kindergärten und ersten Grundschulklassen mit entsprechendem Unterrichtsmaterial nachbereitet wird!
Am Abend des 5. Dezember erreicht die Spannung ihren Höhepunkt – da stellen die Kinder nämlich ihre Stiefel auf, vorzugsweise vor den Kamin, denn die schwarzen Pieten kommen meist übers Dach. Höfliche Kinder stecken eine Mohrrübe oder ein Stück Zucker in den Stiefel – für das Pferd vom Sinterklaas. Am Morgen des 6. Dezember ist dann mit etwas Glück das Wunder geschehen – Möhre und Zucker sind verschwunden, dafür ist der Stiefel mit den typischen Nikolaussüßigkeiten (Nic-nacs, Buchstabenkeksen, Schokogoldmünzen, Schaumgummimäusen, Spekulatius) gefüllt und daneben stapeln sich die Geschenke. Spielzeug wird von den fleißigen Pieten meist spielfertig aufgebaut – es entfällt also das nervtötende Hantieren mit unverständlichen Bedienungsanleitungen ;-)
Aber soweit sind wir noch nicht, denn der Sint ist ja gerade erst gelandet und hat in einem wunderschönen ehemaligen Schloß in St.-Truiden Stellung bezogen. Dochterlief war schwer beeindruckt, durfte sie doch in der Backstube frischgebackene Spekulatius probieren und das Pferd vom Nikolaus streicheln. Spannend war es auch noch, den der schöne Bischofsstab war verschwunden und alle Kinder mussten suchen helfen. Und wer hatte das gute Stück entwendet? Die Putzfrau Petronella, den irgendwie musste sie doch an die Spinnweben im Dachgebälk kommen! Der gütige Sint hat ihr darauf schleunigst einen neuen Besen geschenkt, denn auf sein Wahrzeichen wollte er doch ungern verzichten.