Sonntag, 18. November 2007

Das ist das Haus vom Nikolaus


Heute waren wir mit Freunden und deren Kindern in St.-Truiden – im Haus vom Nikolaus! Der hat nämlich in Belgien einen ganz andern Stellenwert als in Deutschland, ist er doch für die ganzen Geschenke verantwortlich. Der „Sinterklaas“, wie er hier genannt wird, kommt in Bischofstracht auf einem Boot aus dem fernen Spanien und bringt einen ganzen Hofstaat an buntgekleidetem schwarzen Personal mit – das sind die sogenannten „zwarten Pieten“ deren Tracht an die höfischer Pagen erinnert.

Zum historischen Hintergrund: Bischof Nikolas starb am 6. Dezember 342 in Myra an der türkischen Südküste und wurde auch dort begraben, im Jahre 1087 brachte man seine Gebeine in die italienische Stadt Bari. Bei seiner Heiligsprechung wurde er zu Sint Nikolaus = Sinterklaas. Doch warum Spanien? Diese Legende geht vermutlich auf die Zeit des achzigjährigen Krieges (1564-1648) zurück, in dem sich die Niederlande die Unabhängigkeit vom spanischen König erkämpfte. Aus Spanien kamen Orangen und Gewürze in die Niederlande, Spanien wurde zum Synonym für alles, was aus dem Süden kam. Auch war Bari eine Zeitlang durch Spanien besetzt, vielleicht schuf auch das die Verbindung zum Nikolaus.
Im Jahre 1850 erdachte der Amsterdamer Lehrer Jan Schenkmann die Geschichte vom St. Nikolaus und seinem Knecht. Auf den Abbildungen dieses Buches sieht man den Knecht als Mohren in bunter
Pagentracht, so wie sie die „zwarten Pieten“ heute noch tragen. Aus dem einen Knecht wurden im Laufe der Geschichte unzählige Pieten, die jeder eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hatten (der Pferde-Piet, der Post-Piet, der Back-Piet, der Bügel-Piet usw.) Ja, und schwarz sind sie natürlich, weil sie dauernd durch die Schornsteine rutschen müssen, um die Geschenke zu verteilen, ist doch klar!

Das Boot landet am 17. November und von da an bis zum 6. Dezember sind der weiße Mann und die Pieten vollauf beschäftigt, alle Kinder im Land zu besuchen, Wunschzettel einzusammeln und Geschenke einzupacken. Natürlich passiert dabei auch das ein oder andere Unglück denn manche von den Pieten sind ganz schön ungeschickt, vergesslich oder auch einfach nur faul und vergessen gerne mal etwas.
Damit auch alle etwas davon haben, wird im niederländischen Fernsehen das „Sinterklaasjournaal“ ausgestrahlt, dass einen so hohen Stellenwert hat, dass es in den Kindergärten und ersten Grundschulklassen mit entsprechendem Unterrichtsmaterial nachbereitet wird!
Am Abend des 5. Dezember erreicht die Spannung ihren Höhepunkt – da stellen die Kinder nämlich ihre Stiefel auf, vorzugsweise vor den Kamin, denn die schwarzen Pieten kommen meist übers Dach. Höfliche Kinder stecken eine Mohrrübe oder ein Stück Zucker in den Stiefel – für das Pferd vom Sinterklaas. Am Morgen des 6. Dezember ist dann mit etwas Glück das Wunder geschehen – Möhre und Zucker sind verschwunden, dafür ist der Stiefel mit den typischen Nikolaussüßigkeiten (Nic-nacs, Buchstabenkeksen, Schokogoldmünzen, Schaumgummimäusen, Spekulatius) gefüllt und daneben stapeln sich die Geschenke. Spielzeug wird von den fleißigen Pieten meist spielfertig aufgebaut – es entfällt also das nervtötende Hantieren mit unverständlichen Bedienungsanleitungen ;-)

Aber soweit sind wir noch nicht, denn der Sint ist ja gerade erst gelandet und hat in einem wunderschönen ehemaligen Schloß in St.-Truiden Stellung bezogen. Dochterlief war schwer beeindruckt, durfte sie doch in der Backstube frischgebackene Spekulatius probieren und das Pferd vom Nikolaus streicheln. Spannend war es auch noch, den der schöne Bischofsstab war verschwunden und alle Kinder mussten suchen helfen. Und wer hatte das gute Stück entwendet? Die Putzfrau Petronella, den irgendwie musste sie doch an die Spinnweben im Dachgebälk kommen! Der gütige Sint hat ihr darauf schleunigst einen neuen Besen geschenkt, denn auf sein Wahrzeichen wollte er doch ungern verzichten.

Dienstag, 13. November 2007

In Flandern kochen nicht nur die Bürgermeister

Nächsten Donnerstag beginnt sie wieder, die Week van de Smaak (18.-24. November 2007). Nach vergleichbaren Initiativen aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz hatte auch Belgien letztes Jahr erstmalig eine „Woche des Geschmacks“ gestartet, mit so großem Erfolg, dass sie nun jährlich wiederholt werden soll.

Ziel der insgesamt 10 Tage dauernden Aktion ist es, Wertschätzung für kulinarische Kulturen und Traditionen bei den Menschen zu wecken, nicht nur für die eigenen sondern auch für die der anderen. Viele Restaurants bieten besondere Menüs an, es gibt Kochkurse, Produktvorstellungen, Vorträge – jeder kann sich beteiligen, ob Privatperson oder Firma, der meint, etwas Interessantes zum Thema Ernährung, Esskulturen, Lebensmittel, Genuss, Kochen etc. beitragen zu können. Über die Teilnahme entscheidet ein sogenanntes Qualitätskomitee unter jährlich wechselndem Vorsitz – dieses Jahr ist es Lut De Clercq, Chefkoch Backstage Cooking Ancienne Belgique – Brussel.

Ein besonderes Highlight ist sicher das Bürgermeisterkochen am 18. November. 48 Bürgermeister aus verschiedenen flämischen Städten und Gemeinden stellen sich höchstpersönlich an den Herd, um eine regionaltypische Version eines italienischen Klassikers zuzubereiten – den Italien ist das diesjährige Gastland der kulinarischen Woche. Die Bewohner der entsprechenden Gemeinde „dürfen“ dann verkosten.

Den Titel Stadt des Geschmacks darf dieses Jahr Kortrijk führen, ein optisch sehr reizvolles mittelalterliches Städtchen in Westflandern dicht an der französischen Grenze gelegen. Für Nichteinheimische eher unbekannt ist die „Kortrijker Ananas“, eine beinahe vergessene Birnensorte, die nun das Logo der Stadt ziert.

Last, but not least widmet sich die diesjährige Week van de Smaak besonders den Gourmets von morgen – den Kindern und hat dafür extra das Projekt EETiKET eingeführt: 93 Restaurants beteiligen sich und bieten den kleinen Gästen nicht nur ein kindgerechtes Menü und ein Überraschungsgeschenk, sondern lassen sie auf spielerische Weise Bekanntschaft schließen mit Esskultur und Etikette.

Donnerstag, 8. November 2007

Weltuntergangsstimmung in Belgien

Der belgische Sprachenstreit hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Auch 151 Tage nach der Wahl ist es dem designierten christdemokratischen Ministerpräsidenent Yves Leterme nicht gelungen, eine Regierung auf die Beine zu stellen. Damit hat er einen neuen Rekord eingefahren, der konservative Premier Wilfried Martens brauchte 1988 immerhin 148 Tage, eine Regierung zu bilden. Dabei sah es gar nicht so schlecht aus für die Koalition aus Christdemokraten und Liberalen (orange-blau), Leterme hatte eine ganze Reihe von strittigen Themen in den Bereichen Außenpolitik, Justiz und Inneres sowie Umweltschutz aus dem Weg räumen können.

Doch der Grundkonflikt zwischen Flandern und Wallinien bricht ihm jetzt wahrscheinlich das politische Kreuz. Hauptstreitpunkt ist und bleibt der Status der zweisprachigen Randgemeinden von Brüssel. Sie gehören rechtlich zu Flandern, sind aber in einem Wahlkreis mit der zweisprachigen Region Brüssel zusammengefasst. Nach einem Urteil des Verfassungsgerichts darf dieser Wahlkreis Brüssel-Hal-Vilvoorde so nicht fortbestehen, weil er von der allgemeinen Regel abweicht, dass jede Provinz ein eigener Wahlbezirk ist. Die Flamen forderten daher eine Aufteilung des Wahlkreises. Damit würden aber die in den Randgemeinden lebenden Wallonen das Recht verlieren, bei Parlamentswahlen für französischsprachige Abgeordnete in Brüssel zu stimmen.

Gestern kam es auf einer Sitzung des Innenausschusses im belgischen Parlament zum Eklat: die zahlenmäßig überlegenen flämischen Parteien machten ihre Drohung wahr, mit ihrer Mehrheit im Innenausschuss für die von ihnen bevorzugte Lösung zu stimmen. Daraufhin verließen die französischsprachigen Abgeordneten demonstrativ den Saal. Sie kündigten verfassungsrechtliche Schritte an, um die Spaltung des Wahlkreises zumindest hinauszuzögern.

Besonders unter der wallonischen Bevölkerung hat der Ausgang der Sitzung große Bestürzung ausgelöst. Manche sehen darin sogar den Beginn vom Ende des gerade mal 177jährigen Königreichs. An vielen Häusern hängt seit Beginn des BHV-Streites demonstrativ die belgischen Flagge – die Bürger wollen der Regierung deutlich machen, dass sie „nicht Flamen oder Wallonen, sondern Belgier sind“. Verschieden Vereine zur Erhaltung Belgiens wurden gegründet, zahlreiche Petitionen und Unterschriftenlisten eingereicht. Auch der schwarze Humor treibt skurrile Blüten, so hat das Internetauktionshaus ebay eine Versteigerung Belgiens gestoppt, weil „keine virtuellen Dinge“ verkauft werden können. Für das Angebot „ein Königreich in drei Teilen mit dem einzigen Nachteil von 300 Milliarden Staatsschulden“ waren immerhin 10 Millionen Euro geboten worden.

Am kommenden Sonntag, dem 18. November 2007 wird in den Straßen Brüssels ein Marsch für die Einheit Belgiens organisiert. Dann wird den zuständigen Behörden auch eine Petition mit 125.000 Unterschriften überreicht.
Ob es was nützt? Zu hoffen wäre es . Denn wie der konservative Wirtschaftsminister Benoît Cerexhe richtig bemerkte: "Brüssel ist ein Investitionsgebiet und Investitionen brauchen Stabilität und juristische Sicherheit".