Sonntag, 22. April 2007

Kleines Kind ganz groß oder Biometrie schützt vor Irrtum nicht

Vor 6 Wochen fuhren wir nach Brüssel, zur Deutschen Botschaft, um neue Reisepässe zu beantragen. Verlängern ging leider nicht mehr, da man ja jetzt diese biometrischen Fotos braucht. Da sieht man zwar immer noch aus wie ein Verbrecher, ist dafür aber maschinenlesbar. Und der ganze Spaß kostet schlappe 72 Euro. Ich hatte mich vorab auf der Website der Deutschen Botschaft informiert, was für Unterlagen mitzubringen sind und welche Fotografen in der Lage sind, solche Fotos anzugfertigen. Denn es ist doch ganz schön ärgerlich, wenn man 100 km fährt und dann unverrichteter Dinge wieder umkehren kann, nur weil irgendein Papier fehlt.

Wir fuhren an einem Mittwoch. Erstens ist da nur vormittags Schule, das Kind verpasst also nicht allzu viel und zweitens hat die Botschaft mittwochs auch nachmittags geöffnet. Man weiß ja nie.

Auf dem Hinweg suchten wir noch einen Fotografen auf, um Verbrecherfotos von der Mama anzufertigen zu lassen. Kosteten 10€ und waren potthässlich, wie sich das für ein Passfoto gehört.
Bei der Botschaft herrschte großer Andrang, aber zumindest gab es eine Spielecke mit Malbüchern, so war dochterlief beschäftigt und die Eltern amüsierten sich derweil über die Anliegen der anderen Besucher. Eine junge Studentin hatte beim Umzug ihren Reisepass so gut verräumt, dass er nicht mehr auffindbar war und brauchte einen neuen. Die dazu notwendigen Unterlagen hatte sie natürlich auch verräumt. Ein Pärchen wollte morgen in Urlaub fliegen und hatte heute erst gemerkt, dass der Pass nicht mehr gültig war. Ein Ehepaar wollte Reisepässe für seine Zwillinge, leider wussten sie nicht mehr, welches Foto zu welchem Kind gehörte. Der Clou war ein altes orientalisch aussehendes Muttchen, dass einen neuen deutschen Reisepass wollte, aber praktische kein Wort deutsch sprach, weshalb sie zwei Söhne zum Dolmetschen mitbrachte.

Der leicht abgenervte Schalterbeamte war dann ganz glücklich, das bei uns alles in Ordnung war. Zumindest fast. Denn Kinder werden nicht mehr in die Reisepässe der Eltern eingetragen, sondern brauchen einen eigenen Pass. Mit Foto natürlich. Das wir natürlich nicht dabei hatten. Und es war fünf vor Zwölf.

Kein Problem, meinte der Beamte, wir haben ja auch am Nachmittag auf. Sie gehen jetzt mal zu diesem Fotografen ums Eck (er gab uns eine Visitenkarte), dann gehen Sie schön Essen und ich mach solange alles fertig und nachmittags kommen Sie noch mal mit dem Foto.

Nachdem er uns sogar ein Lokal empfohlen hatte, zogen wir erst mal ab. Getreu dem Motto, ein sattes Kind fotografiert sich besser, gingen wir erst einmal Essen. „Les Fous du terroir“ in der Rue d’Arlon entpuppte sich als eine Art Bäckerei oder Delikatessenhandlung mit angeschlossenem Bistro. Man merkte, dass es mitten im Botschaftsviertel lag denn es herrschte ein babylonisches Sprachengemisch und auch die Speisekarte war recht exotisch. Ich probierte zum erstenmal in meinem Leben eine Tomatensuppe mit Banane und es schmeckte gar nicht mal so schlecht.

Anschließend ging es zum Fotografen. Leider wollte dochterlief absolut nicht verstehen, dass man für ein biometrisches Passfoto nicht lächeln darf. Sie zeigte dem Fotografen ihr schönstes Cheeeeese, bis nach wiederholten Ermahnungen die Mundwinkel nach unten sackten und sich die völlig verständnislos guckenden Äuglein mit Tränen füllten. So wurde sie dann verewigt.
Und wir durften diesmal sogar 12€ zahlen. Offenbar errechnet sich der Passfotopreis aus dem Abstand zur Botschaft – je näher, je teurer. Oder der Schalterbeamte kriegt Prozente. Von uns bekam er jedenfalls noch mal 26 € für den Kinderpass und dann durften wir wieder heimfahren. Die Pässe würden zugeschickt.

Diese Woche sind die Pässe gekommen. Als ich den meiner Tochter öffnete, traf mich fast der Schlag: Körperlänge 171 cm. Dass Kinder immer länger werden, ist ja bekannt aber dass sie ihre Mutter schon mit fünf überragen war mir neu.
Also die Botschaft angerufen. Da hob nur der Pförtner ab und meinte lapidar, es hätte nicht viel Sinn, mich durchzustellen, denn jetzt herrsche dort Parteiverkehr und dann nehmen die das Telefon nicht ab. Ahja. Ich meinte, ob ich es denn am Nachmittag versuchen könnte. Ja, im Prinzip schon, nur heute sei Mittwoch ... „und da ist auch nachmittags Parteiverkehr, ja, ich weiß“.

Ich habe dann ein Fax geschickt. Denn ich dachte mir, wer das Telefon nicht abhebt, ignoriert auch seine E-Mailbox. Aber ein Fax – das hat was Öffentliches, da kommt man in Zugzwang. Eine halbe Stunde später ging das Telefon. Der nette Schalterbeamte aus der Botschaft. Wir sollten das Corpus delicti einfach zurückschicken und bekämen einen neuen. So schnell wie möglich. Und natürlich umsonst.
Sein Wort in Gottes Ohr. Denn im Juli wollen wir verreisen. Mit einem normalgroßen Kind.

Ergänzung vom 26.April 2007:
Heute ist der neue Pass gekommen! Die Mühlen der Bürokratie haben diesmal offenbar rotiert!