Sonntag, 4. Februar 2007

Hausfrauenreport III

Oktober 2000-Januar 2001
Belgisches Essen – Bier und Schokolade

Nach nun bald vier Monaten (ungelovelijk!) in diesem Land kamen wir nicht umhin, diverse Stationen der Nahrungsaufnahme bzw. des Lebensmittelerwerbs aufzusuchen. Um mal die positiven Vorurteile zu bestätigen: die vielgerühmte Schokolade ist wirklich göttlich (und erst diese Namen: Cart’ d’ Or – Godiva – Leonidas), der Käse vorzüglich und die Weine auch in den unteren Preisklassen (wirklich! Es gibt hier was, dass billiger oder zumindest nicht teuer ist als in good old Germany) nicht zu verachten – wenngleich die beiden letzteren eigentlich gar nicht aus Belgien, sondern vielmehr aus Frankreich (mit holländischen Käse haben die es hier nicht so) stammen ...

Mit den angeblich 400 Biersorten konnten wir uns noch nicht so ganz anfreunden, bei den meisten bleibt ein leichter Nachgeschmack nach synthetischen, euphemistisch als zitronig zu umschreibenden Zusatzstoffen am Gaumen kleben. Mit dem Reinheitsgebot kann’s da nicht weit her sein – auch die durchschnittliche Mindesthaltbarkeitsdauer von 1- 11/2 Jahren sollte dem Verbraucher doch zu denken geben. Oder liegt es vielleicht doch nur am Alkoholgehalt? Ein normales Export hat bereits 5% und das berüchtigte Duwel („Teufel“) schlägt gleich mit fast 9% zu Glase ...
Daneben gibt es dann noch die fruchtigen Sorten, angeblich erfunden, um weibliche Kundschaft ins Wirtshaus zu locken. Das berühmte Kriek (Kirschbier) habe ich mir im Selbstversuch noch angetan, um es gleich nach dem ersten Schluck unter ständigem Rühren in den Ausguss zu entsorgen, aber bei Himbeer-, Erdbeer-, und Aprikosenbier hört der Spaß auf, ja ich habe sogar ein BANANENBIER entdeckt (konnte mich jedoch nicht entschließen, es zu probieren).

Belgisches Essen - Zu den Lokalen

Ein eigenes Kapitel sind die flandrischen Feinschmecker (fijneproevers): man kann hier ganz vorzüglich und edel speisen – zu exorbitanten Preisen in ausgewählten exklusiven Lokalen. Die sind zwar auch immer voll besetzt, jedoch muss man berücksichtigen, dass sich ein durchschnittliches 4-Gänge-Menü gut und gerne über 3-4 Stunden hinziehen kann, d.h. es kommen gar nicht so viele Gäste, sie hocken nur den ganzen Tag/Abend im Restaurant.Da die einzelnen Portionen – um Loriot zu zitieren – ausgesprochen „übersichtlich“ sind, lässt sich auch ein 7-Gänge-Menü ohne größere Schwierigkeiten verdrücken – ich erinnere mich an ein Dinner in einem feinen Lokal in den Ardennen, bei dem der erste Gang aus einem Tropfen (echt!) Suppe in einem Schnapsglas und einem Klecks Lachscreme auf einem Puppenstubenlöffel bestand – der Aufwand an Geschirr steht sozusagen im umgekehrten proportionalen Verhältnis zu der Menge der aufgenommenen Nahrung – um den Preis zu ermitteln quadriere man die Summe aus beiden.

In weniger vornehmen, dafür aber ebenfalls oft ausgezeichneten Lokalen gibt es wenigstens ordentlich was auf die Teller: „leichtes“ Nationalgericht sind Miesmuscheln in allen Variationen aber immer mit einem riesigen Berg (köstlicher) Pommes frites dabei. Ebenfalls sehr beliebt sind überdimensionale Steaks, natürlich ebenfalls mit Pommes. Unter dem Riesenklecks Majonaise am Tellerrand verbirgt sich meist der Salat.

Ach ja Salat. Ein eher trauriges Kapitel, denn so was wie ein feiner Blattsalat mit Essig-Öl-Dressing, wie man es vom Italiener oder Franzosen kennt, scheint eher unbekannt. Entweder ertrinkt alles in fettem Majo- oder Yoghurt-Dressing oder kommt völlig ungewürzt als Rohkost auf den Tisch. In einer Internet-Rezeptesammlung wählte ich aus Spaß an der Freude mal die Rubrik Belgien aus. Zu meinem großen Erstaunen erschien ein einziges Gericht (na ja, das erstaunte mich noch nicht so sehr), aber das hieß dann ausgerechnet „flandrischer Salat“. Sollte ich ihnen denn tatsächlich Unrecht getan haben? Ein Blick auf die Zutatenliste beruhigte mich dann. Der sogenannte Salat bestand aus gekochten Eiern und Kartoffeln, etwas Champignons, einer Gurke, enthielt für 4 Personen 450g Fleisch (Zungenwurst und gepökeltes Rindfleisch) und wurde mit fertiger Salatsoße und Brühe angemacht. Vive la Cholesterin et la Calorie!

Vornehm oder nicht, wer wirklich Hunger hat und rasch etwas hinter die Kiemen schieben möchte, ist besser beraten, ein italienisches oder chinesisches Lokal aufzusuchen. Denn in einem echt belgischen Lokal tut der Gast vor allem eines: warten. Denn was ein echter Belgier ist, lässt sich beim Essen nicht hetzen und konsumiert erst einmal mindestens drei Bierchen, bevor er überhaupt die Gabel zur Hand nimmt. Die Kellner respektieren das natürlich und kommen gar nicht auf die Idee, Dir Dein Essen zu bringen, bevor Du nicht mindestens dieses Soll erfüllt hast. Zwischen den Gängen gibt es weitere ausgedehnte Rauch- und Trinkpausen und natürlich gehört es sich auch nicht, den Gast direkt nach dem Mahl mit der Rechnung zu konfrontieren, also gehen hier auch noch einmal gut und gerne zwanzig Minuten ins Land. Es war eine bittere Lehrzeit, in der wir mit knurrenden Mägen, sinkendem Blutzucker- und steigendem Adrenalinspiegel in verschiedenen Lokalen hockten, bis wir endlich dieses Prinzip kapiert hatten. Jetzt essen wir immer vorher zu Hause, bevor wir belgisch essen gehen.

Eine gute Alternative sind die Selbstbedienungsrestaurants wie z.B. „lunchgarden“ oder „lunchcorner“ – die Qualität ist passabel, die Preise akzeptabel, meist gibt es eine Spielecke für Kinder und man selber bestimmt das Esstempo.